Meldungen aus dem Landesverband Sachsen

Volkstrauertag 2022 in Dresden

Kranzniederlegung auf dem Nordfriedhof / Feierstunde im Landtag

Volkstrauertag 2022, Kranzniederlegung Nordfriedhof Dresden

Volkstrauertag 2022, Kranzniederlegung Nordfriedhof Dresden Bundeswehr/Pilz

Kranzniederlegung auf dem Nordfriedhof

Der Volkstrauertag 2022 begann mit der Kranzniederlegung auf dem Nordfriedhof, zu der sich ca. 130 Gäste versammelt hatten. Diese leitete der ev. Militärdekan, Klaus Kaiser, mit Worten des Gedenkens ein. Dem folgte die Kranzniederlegung durch Repräsentanten von Volksbund, Landtag, Staatsregierung, Stadt Dresden und Bundeswehr, die ein Trommler und ein Trompeter der Landespolizei musikalisch begleiteten.

Die Kranzträger stellte die Offizierschule des Heeres. Zum Abschluss verlasen der Präsident des Sächsischen Landtags, Dr. Rößler, das Totengedenken des Volksbunds und der Kommandeur der Offizierschule, Brigadegeneral Rohde, das Einsatzgedenken. 

 

Feierstunde im Sächsischen Landtag

Zur Feierstunde im Sächsischen Landtag fanden sich mehr als 300 Gäste ein. Die Gedenkrede hielt der bekannte Potsdamer Militärhistoriker Prof. Dr. Sönke Neitzel.  Zusammenfassung:  Am Volkstrauertag wird seit den 1950er-Jahren den Opfern von Gewalt und Krieg gedacht. In den vergangenen Jahrzehnten richtete sich das Augenmerk dabei vor allem auf die Opfer aktueller Konflikte im In- und Ausland. Durch den Krieg in der Ukraine tritt die Erfahrung der Weltkriege und die schwierige Erinnerung an sie wieder stärker in den Vordergrund. Die Rede wirft einen Blick auf den deutschen Umgang mit den Weltkriegen und fragt danach, was wir daraus für den Umgang mit dem Krieg in der Ukraine lernen können.

 

Prof. Dr. Sönke Neitzel: Rede zum Volkstrauertrag 2022 im Sächsischen Landtag, 13. November 2022

Sehr geehrter Herr Landtagspräsident, sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Herren Staatsminister, meine sehr geehrten Damen und Herren,

I.

die Bundesrepublik gedenkt am Volkstrauertag den Opfern von Gewalt und Krieg. Dieses Gedenken war nie statisch. Es veränderte sich über die Jahrzehnte und ist für den Historiker wie eine Zeitreise ins kulturelle Gedächtnis des Landes.

Zunächst stand dieser Tag im Zeichen der Trauer um die rund sieben Millionen Deutschen, die im Zweiten Weltkrieg umkamen. Erst relativ spät, ab 1986, kam im Totengedenken der Passus „aller Völker“ an prominenter Stelle hinzu. 1994 veränderte Bundespräsident Roman Herzog die Gedenkformel: die Begriffe Krieg und Gewalt wurden umgedreht. Gewalt wurde seitdem zuerst genannt.

Was manchem als semantische Feinheit erscheint, ist gleichwohl bedeutend. Das Gedenken an die gefallenen Soldaten rückte seit den 1990er Jahren allmählich in den Hintergrund. Dies lag auch daran, dass die Generation der Veteranen auch aus den hohen Ämtern des Staates ausschied und einer breiten Öffentlichkeit immer mehr bewusst wurde, dass die Wehrmacht einer der wesentlichen Akteure des Vernichtungskrieges gewesen war. Das machte ein Gedenken schwierig, zumal man Vorwürfe vermeiden wollte, man erinnere an jene, die auf der falschen Seite gestanden hatten. Im Laufe der Zeit wurde das Totengedenken um aktuellere Bezüge ergänzt. Die Opfer von Hass und Gewalt in Deutschland, die Toten der Bundeswehr, zuletzt 2021, um die Opfer von Antisemitismus und Rassismus.

Die Ausweitung des Gedenkens ist gut und richtig. Der Volkstrauertag kann keine breite gesellschaftliche Akzeptanz finden, wenn er den Aktualitätsbezug verliert. Gleichwohl kann man sich fragen, welche Rolle das Gedenken an jene Deutschen noch spielt, die in den Jahren 1939 und 1945 als Soldaten umkamen. Dies waren 5,4 Millionen Männer, 75 Prozent aller deutschen Toten dieser Zeit.

Mit ihnen hadert die Republik mehr denn je. An welche Opfer die Täternation erinnern darf, war stets heftig umstritten. Durchforstet man die Gedenkreden von Vertretern der Verfassungsorgane, lässt sich der Eindruck nicht vermeiden, dass dieses Thema in den letzten Jahren am liebsten ausgeklammert wurde. Die höchsten Repräsentanten dieses Staates machen um deutsche Soldatenfriedhöfe in der Regel einen großen Bogen. Der Aufschrei über Helmut Kohls und Ronalds Reagans Besuch auf dem Friedhof in Bitburg 1984 wirkt noch immer nach. Er wurde zum Skandal, weil dort auch Soldaten der Waffen-SS liegen – wie praktisch auf jedem deutschen Soldatenfriedhof des Zweiten Weltkrieges. Angela Merkel zog es 2014 bei ihrem Besuch in der Normandie dann auch vor, einen britischen Friedhof zu besuchen, auf dem auch einige Wehrmachtsoldaten begraben waren.  Ob eine solche Vermeidungsstrategie klug ist, mag dahingestellt sein. Mir kommt das ein wenig wie eine Vogel-Strauß-Politik vor. Unserer Geschichte können wir nicht entkommen, auch nicht, wenn wir einen britischen Friedhof besuchen und glauben, uns damit auf die moralisch privilegierte Seite der Geschichte zu stellen. Meines Erachtens gibt es kaum einen besseren Ort für einen deutschen Politiker, sich der ganzen Bandbreite des persönlichen Erlebens von Krieg, Gewalt und Verbrechen auf verantwortungsvolle Weise zu stellen, als die Gräberfelder der Gefallenen. Hier treten die Zehntausenden von Toten aus ihrer Anonymität heraus, lassen sich die Lebensläufe zumindest erahnen.

Umso wichtiger war es, dass die Bundeskanzlerin 2016 bei den Gedenkfeiern zum 100. Jahrestag der Schlacht von Verdun auch einen deutschen Soldatenfriedhof besuchte. Die Distanz auch zu den Toten der Jahre 14/18 ist gleichwohl geblieben. Dies kann man auf dem bekanntesten deutschen Friedhof des Ersten Weltkrieges im belgischen Langemark gut beobachten. Die größte Zahl an Besuchern kommt nach wie vor aus den ehemaligen Commonwealth-Staaten, nicht aus Deutschland. Dies hat gewiss viele Gründe, auf die nicht näher eingegangen werden kann. Ein Aspekt sei aber erwähnt: der differenzierte Umgang mit dem Kaiserreich – so wie es die Ergebnisse der auch der jüngeren historischen Forschung eigentlich nahelegen würde – ist nicht gerade eine Stärke der Berliner Republik und ihrer höchsten Repräsentanten.

Die Abstinenz von Ambivalenz im Umgang mit den Weltkriegen gilt – cum grano salis – auch für die öffentliche Gedenkkultur und die politische Bildung. Im Zentrum steht die Erinnerung an den Nationalsozialismus und die deutschen Verbrechen, aber kaum der Zweite Weltkrieg als solcher. Das Interesse an einer Innenansicht des Krieges, daran, was Militär und Massengewalt mit Menschen machen, wie diese in totalen Organisationen handeln, warum sie so handeln – all das ist im bundesdeutschen Kultur- und Wissenschaftsbetrieb eher gering ausgeprägt. Dies führt dazu, dass wir das Kriegserlebnis der deutschen und aber auch der europäischen Gesellschaften nur sehr selektiv wahrnehmen, die Gewalteruptionen auf den Schlachtfeldern ignorieren, auf denen Millionen umkamen. Vor allem verstehen wir nicht, in welcher Welt die Menschen damals eigentlich lebten, wenn wir den Krieg aus der Betrachtung herauskürzen. Eine Innenansicht gibt den Blick frei auf eine enorme Vielfalt von widersprüchlichem, menschlichen Verhalten in einem totalen Krieg. Verhalten, das meist wenig mit Heroismus oder politischem Idealismus zu tun hatte, sondern viel mehr mit einer pragmatischen Anpassung an wahrgenommene soziale Realitäten. Diese differenzierenden Aspekte sind wichtig, weil sich nur so erklären lässt, wie Menschen in Extremsituationen handeln. Diese Perspektive verändert die deutsche Schuld um keinen Deut – im Gegenteil, sie gibt auch den Blick frei für Verbrechen, die sonst verborgen bleiben würden.

Eine Exotisierung des Bösen kann eigentlich keine Lösung sein. Sie führt dazu, die NS-Zeit von uns weg zu schieben und die Verbrechen als das Werk finsterer Nazis zu sehen. Die gab es natürlich in großer Zahl, wer würde das bestreiten, aber das eigentlich Bestürzende ist ja gerade, das Unrecht und Massengewalt zumeist das Werk von ganz normalen Männern (und Frauen) waren – gewissermaßen unseren Vätern und Müttern. Diesen Befund müssen wir an uns heranlassen, auch wenn es schmerzvoll ist.

II.

Die mangelnde Ambivalenz im Umgang mit vergangenen Kriegen kongruierte interessanterweise mit der Außenpolitik der Bundesrepublik. Nach der Wiedervereinigung musste sich das Land rasch auf neue Realitäten einstellen und geriet zuweilen arg ins Schwimmen, wenn die NATO-Partner in Auslandseinsätzen Solidarität von der Bundesrepublik verlangten. Schließlich war ein Referenzpunkt deutscher Politik: Nie wieder! Nie wieder Krieg, nie wieder Täter. Wortgewaltig traten Regierung, Parteien und gesellschaftliche Eliten für den Frieden ein – wussten aber dann nicht wirklich, was zu tun war, wenn ein ausländischer Potentat – oder zuweilen auch ein Verbündeter – diesen Rufen nicht folgen wollte. Die deutsche Politik versuchte, sich so gut es ging aus allem herauszuhalten und moralisierte lieber von der Außenlinie. Baschar al-Assads Rücktritt zu fordern war leicht, aber merkwürdigerweise hat dieser sich durch die hehren Worte aus Berlin nicht beeindrucken lassen.

Krieg als Mittel der Politik wurde – so wird man etwas vereinfachend sagen können – über   Jahrzehnte aus dem politischen Denken des Landes ausgeschlossen. Es gab gewiss Ausnahmen von der Regel, aber sie änderten wenig an der dieser grundsätzlichen Ausrichtung. Sie prägte nicht nur das eigene Handeln, sondern auch die Wahrnehmung der Internationalen Beziehungen. Der gebetsmühlenartig wiederholte Satz, dass mit militärischen Mitteln (allein) keine Kriege gelöst werden könnten, ist dafür ein treffender Beleg. Die Formulierung avancierte zu einem Topos der politischen Kommunikation der letzten 20 Jahre. Angela Merkel, Frank-Walter Steinmeier, Sigmar Gabriel und viele andere Spitzenpolitiker sprachen so[1]. In der historischen Rückschau ist diese Aussage schlicht falsch, denn viele Kriege wurden auf dem Schlachtfeld entschieden. Es ist eine Binse, dass politische und wirtschaftliche Faktoren in Kriegen immer auch eine Rolle für den Ausgang spielen. Aber weder die Weltkriege, der Vietnamkrieg, der sowjetische Afghanistankrieg noch die meisten Bürgerkriege wurden durch Diplomaten, sondern durch die normative Kraft des militärischen Erfolges einer Seite entschieden. Und: die Taliban haben den Krieg in Afghanistan 2021 letztlich mit militärischen Mitteln gewonnen – nicht am Verhandlungstisch in Doha. Dass es durchaus Konflikte gibt, die langfristig nur durch Ausgleich und Diplomatie zu lösen sind – man denke nur an den israelisch-palästinensischen Gegensatz – widerspricht diesem Argument nicht. Die Floskel diente der Politik vor allem dazu, die deutsche Zurückhaltung zu kaschieren. Und gemeint war stets, dass Konflikte nur mit friedlichen Mitteln gelöst werden sollten.

Deutschland verlor durch seinen verengten Blick auf die Internationale Politik und durch die Komplexitätsreduktion der eigenen Erinnerungsarbeit zuweilen auch den Blick auf andere Länder. Das betrifft insbesondere Ostmitteleuropa, das eben nicht nur unter der deutschen Besatzung zu leiden hatte, sondern auch unter der sowjetischen. Berlin war aber ganz darauf konzentriert, gegenüber Russland eine Außenpolitik zu betreiben, die geprägt war vom Bekenntnis der eigenen historischen Verantwortung und dem Wunsch nach dem Ausbau guter Beziehungen. Das war aller Ehren wert, und der Fehler war gewiss nicht, Russland die Hand ausgestreckt zu haben. Aber geflissentlich die Warnungen aus Ostmitteleuropa ignoriert zu haben, auch aus einem historischen Schuldbekenntnis heraus den Blick dafür verloren zu haben, dass Krieg für Putin ganz offensichtlich immer eine Handlungsoption war und schließlich für den Worst Case keine Vorsorgen getroffen zu haben, all das war töricht.

Seit dem 24. Februar mussten die Deutschen schmerzhaft lernen, dass wieder ein großer zwischenstaatlicher Krieg in Europa geführt wird. Die Rolle des Angreifers und des Verteidigers ist klar verteilt, das Ausmaß russischer Kriegsverbrechen erschreckend. Und doch besteht auch dieser Krieg nicht nur aus Schwarz und Weiß. Dies gilt insbesondere für den heutigen Tag, an dem wir der Opfer von Gewalt und Krieg aller Völker gedenken. Nimmt man die Formel ernst, dann gilt sie natürlich nicht nur für die Ukrainer. Sie gilt auch für die russischen Soldaten und Zivilisten, die seit dem 24. Februar getötet wurden – obwohl sie Putins Regime dienten. Auch sie sind Gottes Geschöpfe, auch sie haben Mütter und Väter, Frauen und Schwestern. Das Totengedenken – eine der ältesten Kulturtechniken der Menschheit – schließt alle ein, die Opfer von Gewalt und Krieg wurden. Auch die 5,4 Millionen Toten der Wehrmacht, so schwer das angesichts ihrer Verfehlungen, Irrtümern und Verbrechen auch sein mag.

[1] Etwa Angela Merkel am 22.10.2012 in Straußberg, am 13.3.2014 in ihrer Regierungserklärung; Gabriel am 13.9.2017 im Interview mit der NWZ; Frank-Walter Steinmeier, 2.12.2015 in einer Rede vor dem Bundestag.

Text: Dr. Reitz

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