Ein “Befreiungs-Vektor” - was steckt dahinter?
Seit kurzem ziert ein Vektor der „Liberation Route Europe“ die Pforte des deutschen Soldatenfriedhofs Cassino. Er ist einer unter zahlreichen Vektoren, die auf verschiedenen europäischen „Liberation Routes“ den Verlauf der Gefechtshandlungen abbilden, die im Zweiten Weltkrieg bis zur Kapitulation der Deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945 in REIMS/BERLIN führten.
Und es ist nicht selbstverständlich, dass deutsche Soldatenfriedhöfe heute Teil einer Liberation Route sind – der ehemalige Gegner ist nun in das Netz des Gedenkens eingewoben – ein Akt der Versöhnung über den Gräbern. Zumal es an Gräbern und Friedhöfen um Cassino nicht mangelt: Amerikaner, Briten (und Empire), Deutsche (und Österreicher), Franzosen (und Kolonialtruppen) etc. ruhen hier in italienischer Erde.
Nicht zu vergessen die polnischen Soldaten der Armee „Anders“, die eine Odyssee von den sowjetischen Mordgruben bei KATYN und anderswo über den Iran unter britischem Oberkommando auf den italienischen Kriegsschauplatz führte, wo sie den ersten Sieg freier polnischer Truppen seit dem 1. September 1939 erfochten.
Dass dieser mit der Eroberung des Klosters Monte Cassino am 18. Mai 1944 verbunden ist, gibt dem eine besondere Weihe, denn das Kloster des hl. Benedikt ist einer der Fixpunkte abendländisch-europäischer Kultur.
Doch „frei“ wurde Polen erst 1989, wie auch der Rest Zentral- und Osteuropas 1945 unbefreit blieb – nur der Zwingherr wechselte.
Dem unentwegt-eifrigen Wirken der Monte Cassino Stiftung und ihrer Repräsentanten, hier in Cassino – ich nenne Herrn Rossi und Herrn Di Lonardo – ist es zu danken, dass nunmehr der deutsche Soldatenfriedhof Teil der Liberation Route ist, dies unterstrich ein Repräsentant des Landesverbands Sachsen (Dr. Reitz) für den dankbaren Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge anlässlich der Enthüllung der – so unscheinbaren – Plakette.
Der Anlass zur Widmung des Vektors war wohl gewählt, denn er fiel mit dem Ende eines Arbeitseinsatzes deutscher Soldaten auf dem Friedhof zusammen. Soldaten des Logistikkommandos und des IT-Bataillons aus Erfurt hatten 14 Tage lang unter hochsommerlich-fordernden Bedingungen Pflegearbeiten verrichtet.
Der Wert solcher Pflegeeinsätze – im Volksbund prosaisch KPE (Kriegsgräberpflegeeinsätze) genannt – kann nicht überschätzt werden. Nicht nur, dass sie die Partnerschaft von Bundeswehr und Volksbund für die Wahrnehmung des staatlichen Auftrags der Kriegsgräberfürsorge unterstreichen. Sie wirken zudem bewusstseinsbildend auf Soldaten, indem sie – an den unendlichen Reihen der Gräber gefallener Krieger entlang – ein memento mori formulieren, das an das „Scharfe Ende“ des Soldatenberufs gemahnt, denn die letzte Konsequenz des „Treuen Dienens“ (§7 Soldatengesetz) ist der Soldatentod, ganz im Sinne des Thermopylen-Epigramms zur Schlacht von 480 v. Chr.: „Wanderer kommst Du nach Sparta, sage du habest liegen uns sehen, wie das Gesetz es befahl“. Es ist oftmals erst den Nachgeborenen gegeben zu bewerten, ob jenes Gesetz ein gerechtes oder unrechtes, gar bösartiges, war.
Das letzte Wort hat der Kommandoführer, Hauptfeldwebel Ronny P.:
„Rund 75.000 Menschenleben forderten die Schlachten am Montecassino. Der Tod hielt reiche Ernte.Über 20.000 dieser Opfer ruhen heute hier auf diesem Friedhof. 20.000 Männer, Burschen, Jungen - alle samt Kameraden. Durch den Tod geeint. Über 20.000 ungelebte Leben. Auf jedem Stein die Namen. Kaum ein Familienname, den man nicht irgendwo bereits einmal gehört hat. Hier liegt deutsche Familiengeschichte nah zusammen. Unzählige Müllers, Meiers und Schulzes.
Zwei Wochen lang haben wir diesen Friedhof hier gepflegt.
Die fremde Erde, fern ihrer Heimat in Schuss gehalten und ein Zeichen gegen das Vergessen gesetzt. Deutsche Soldaten, in Uniform, in Italien. Das ist gelebte Völkerverständigung. Das ist Versöhnung über den Gräbern.
Dafür bin ich dankbar. Ich danke meinen Soldaten für ihr Vertrauen und ihre tatkräftige Arbeit auf diesem Friedhof.“