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Geschichte kompakt

Auf den Spuren des Totalitarismus in Sachsen - Bildungsfahrt zu Gedenkorten für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft

Treppe im Gefängnisgebäude Bautzen II

Treppe im Gefängnisgebäude Bautzen II Foto: Juliane Schöne

In der ersten Herbstferienwoche machten sich knapp 20 Schülerinnen und Schüler aus Freiberg auf den Weg nach Bautzen und Dresden, um sich mit Gedenkorten für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft auseinanderzusetzen. Diese erste Ferienexkursion, die der Landesverband Sachsen in Kooperation mit dem Geschwister-Scholl-Gymnasium Freiberg und den Jugendoffizieren aus Chemnitz organisiert hat, bot Geschichtsinteressierten trotz der aktuell coronabedingt verdichteten Lehrstoffvermittlung im Unterricht die Gelegenheit, sich an authentischen Orten mit dem Wesen von Totalitarismus, Krieg und Gewaltherrschaft sowie deren Folgen für die betroffenen Menschen vertieft auseinanderzusetzen.

Die erste Station führte die Gruppe zur Gedenkstätte Bautzen, die gleich an drei Phasen des systematisch begangenen Unrechts im 20. Jahrhundert erinnert. Ab 1933 wurde das Gerichtsgefängnis Bautzen II von der NS-Justiz auch zur Verfolgung Andersdenkender missbraucht, indem sie außergerichtliche Maßnahmen gegen diese unterstützte, beispielsweise Verhöre und Misshandlungen durch die SA sowie anschließende Abschiebungen in Konzentrationslager. Auch in Bautzen I, dem sogenannten „Gelben Elend“, wurden nun Menschen aus politischen und rassistischen Motiven unter schlechtesten Bedingungen inhaftiert, bevor sie im Anschluss ebenfalls häufig in Konzentrationslager geschickt wurden. Ab 1945 nutzte die sowjetische Besatzung beide Gefängnisse nahezu nahtlos weiter. Unter dem Deckmantel der Entnazifizierung wurden nicht nur tatsächliche NS-Verbrecher, sondern auch zahlreiche politische Gegner weggesperrt und gefoltert, um den Aufbau einer kommunistischen Diktatur nicht zu gefährden. In Bautzen I wurde hierzu ein Speziallager des NKDW eingerichtet. Die miserablen Haftbedingungen und unzureichende Versorgung sorgten für viele Todesopfer, deren Gräber heute auf der ab 1992 auch mit Unterstützung des Volksbundes errichteten Gräberstätte auf dem „Karnickelberg“ zu finden sind. Dort wird auch an alle Opfer erinnert, die nicht mehr geborgen und würdig bestattet werden konnten. Ab den 1950er Jahren standen beide Bautzener Gefängnisse wieder unter deutscher Verwaltung. Während die schlechten Haftbedingungen und der menschenunwürdige Umgang mit Gefangenen in Bautzen I wie in anderen DDR-Justizanstalten abschreckend auf potentielle Straftäter wirken sollten, wurde Bautzen II als Sonderhaftanstalt der Stasi unterstellt. Unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen wurden hier nun unter anderem Regimekritiker, Spione und Agenten inhaftiert. Der Projekttag bot den Schülerinnen und Schülern damit ein volles Programm, das aus einer Mischung aus geführten Rundgängen, Diskussionen und Gruppenaufträgen bestand, die die Jugendlichen engagiert bewältigten.

In Dresden führte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der erste Weg ins Militärhistorische Museum. Hier lag der Schwerpunkt auf dem Zweiten Weltkrieg und der kritischen Auseinandersetzung mit Waffentechnik und Vernichtungswaffen, aber auch mit gesellschaftlichen Themen wie den NS-Massenorganisationen, dem Widerstand und letztlich mit der Frage nach Handlungsmöglichkeiten und –zwängen. Auf dem Johannisfriedhof kamen die Jugendlichen schließlich direkt mit den Begräbnis- und Gedenkorten zahlreicher Opfergruppen insbesondere des Nationalsozialismus in Kontakt. Sie übernahmen selbst die Führung über die weitläufige Anlage, indem sie zuvor in kleinen Teams die einzelnen Stationen aufsuchten, Informationen zu diesen auswerteten und eigene Gedanken zu den Opfern und den Erinnerungsorten entwickelten, die sie anschließende während des gemeinsamen Rundgangs präsentierten. Kriegsgräberstätten mahnen zum Frieden, dies wurde hier allen bewusst. Dieselbe Botschaft geht in Dresden natürlich auch von der Frauenkirche aus, die Jahrzehnte als Ruine an die Zerstörung der Stadt 1945 erinnerte. In einer Gesprächsrunde mit einer Vertreterin der Stiftung Frauenkirche wurde deutlich, dass sie trotz ihres ursprünglich umstrittenen Wiederaufbaus nach der Wende weiterhin ein bedeutendes Mahnmal gegen den Krieg ist und nun gleichzeitig als Symbol für den Frieden und die Versöhnung steht.

Zum Abschluss der Bildungsfahrt ging es in die Sächsische Schweiz auf die Festung Königstein. Neben der spektakulären Aussicht auf die landschaftlichen Schönheiten des Elbtals und der Nationalparkregion beeindruckte natürlich der imposante Bau selbst. Während der Führung lernten die Jugendlichen nicht nur spannende Festungsgeschichten kennen, sondern es zeigte sich, dass auch dieser bei Touristen so beliebte Ort als Lern- und Gedenkort zur Auseinandersetzung mit (mangelnder) Demokratie und Gerechtigkeit einlädt, denn auch die Geschichte des Königsteins hat ihre dunklen Kapitel: So diente die Festung beispielsweise lange Zeit als Gefängnis des absolutistischen Staates ohne klares Rechtssystem, als Kriegsgefangenenlager und zu DDR-Zeiten für einige Jahre auch als Jugendwerkhof zur Umerziehung von Jugendlichen, die nicht ins Bild der sozialistischen Gesellschaft passten.

Als Fazit bleibt festzuhalten: Die Exkursion war für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht nur ein einfacher Ferienausflug, sondern im wahrsten Sinne des Wortes ein kompaktes Geschichtserlebnis, das intensive Einblicke in die totalitäre Vergangenheit Sachsens ermöglichte und zur weiteren Beschäftigung mit dem Thema anregt.

Wir danken dem Freistaat Sachsen für die freundliche Unterstützung im Rahmen des Programms "Weltoffenes Sachsen".

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