Meldungen aus dem Landesverband Sachsen

Denkmal für die französischen Kriegstoten von 1870/71 saniert

Wiedereinweihung des Denkmals und neue Namenstafeln in Dresden-Kaditz

Wiedereinweihung des Denkmals für französische Opfer des Krieges 1870/71 in Dresden-Kaditz

Wiedereinweihung des Denkmals für französische Opfer des Krieges 1870/71 in Dresden-Kaditz Volksbund, Landesverband Sachsen

Am Sonntag, den 10. Juli 2022, erfolgte die feierliche Wiedereinweihung des Denkmals für französische Kriegstote des Krieges von 1870/71 auf dem Friedhof Dresden-Kaditz. Hierzu luden die Ev.-Luth. Laurentiuskirchgemeinde Dresden-Trachau, das Souvenir Français als französischer Kriegsgräberdienst und der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V., Landesverband Sachsen, gemeinsam ein. In Anwesenheit des Militärattachés an der französischen Botschaft in Berlin, französischen und deutschen Offiziersanwärtern, französischen Bürgermeistern von Gemeinden, aus denen einzelne der in Kaditz bestatteten Franzosen stammten, sowie zahlreicher Gäste wurde der Toten des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 gedacht. Musikalisch begleitete das Bläserquintett des Luftwaffenmusikkorps aus Erfurt die Zeremonie.

Auf dem ev.-luth. Gemeindefriedhof in Dresden-Kaditz ruhen 117 französische Kriegstote des Krieges von 1870/71, die in sächsischem Gewahrsam als Kriegsgefangene starben oder ihren Verwundungen erlagen. Tausende französische Gefangene wurden damals in die Residenzstadt Dresden transportiert und im Elbbogen bei Kaditz und Übigau in einem Barackenlager interniert. Die schwierigen Bedingungen im Lager forderten zahlreiche Opfer, die auf dem kurz zuvor errichteten Friedhof in Kaditz beigesetzt wurden. 

Historischer Hintergrund:

Am 19. Juli 1870 – vor 152 Jahren – erklärte der französische Kaiser, Napoleon III., dem Königreich Preußen den Krieg. Wenige Wochen später lag sein Kaiserreich in Trümmern und im Spiegelsaal des Schlosses zu Versailles proklamierten die deutschen Fürsten am 18. Januar 1871 Wilhelm I. von Preußen zum Kaiser des neuen Deutschen Reiches.

Am gleichen Ort musste Deutschland am 28. Juni 1919 in den Friedensschluss von Versailles einwilligen, der den Ersten Weltkrieg beendete, aber keinen Frieden brachte. Es folgte 1939 noch ein weiterer Waffengang, in dem Deutsche und Franzosen erneut gegeneinander fochten, und so galt die Erbfeindschaft zwischen den beiden Völkern von 1870 bis 1945 als unüberwindlich.

Dass der Rhein heute weniger trennt, als vielmehr verbindet, ist die Frucht jener „Versöhnung über den Gräbern“ im Geiste einer europäischen Friedensordnung, die von Kanzler Adenauer und General de Gaulle ausgehend, ihren symbolischen Endpunkt mit dem gemeinsamen Gedenken Helmut Kohls und François Mitterands im Jahre 1984 auf dem Schlachtfeld von Verdun fand.

 

Gedenkfeier:

In Dresden Kaditz war es am 10. Juli 2022 zwar kein Staatsakt, doch gaben sich hohe Repräsentanten der deutschen und der französischen Kriegsgräberfürsorge die Ehre, als es galt ein aus privaten Mitteln saniertes Denkmal für 117 französische Kriegstote von 1870 wiedereinzuweihen.

Den Volksbund repräsentierte dessen Vizepräsident, Sen. a.D. Wolfgang Wieland, das Souvenir Français dessen Generaldirektor, General a.D. Serge Barcellini.

Das schlichte Denkmal erinnert an französische Kriegsgefangene, die in sächsischem Gewahrsam an den Folgen Ihrer Verwundungen oder Krankheiten verstorben waren.

Neben dem Denkmal entstanden zudem repräsentative Namenstafeln, die das Andenken der Toten verewigen und damit zur historischen Kontextualisierung des Denkmals und des gesamten Gräberfelds beitragen, das sich auf dem zivilen Friedhof in Dresden Kaditz befindet.

Vorausgegangen war dem im Sommer 2021 ein Artikel in der Zeitschrift des Souvenir Français, der über den Friedhof und die „Franzosengräber“ berichtete. Dieser Artikel veranlasste Monsieur Romain d’Eprésmesnil (*1940) aus privaten Mitteln die Sanierung des Denkmals und die Verewigung der Namen anzuregen.

Koordiniert durch den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge Landesverband Sachsen und das Souvenir Français gelang es zwischen November 2021 und Juli 2022 die erforderlichen, rechtlich-administrativen und technisch-praktischen Voraussetzungen zu schaffen, um das Projekt rasch zu vollenden.

Diesen Gemeinschaftscharakter der „Operation“, bei der auch die Untere Denkmalbehörde vorbildlich sekundierte, unterstrichen alle Redebeiträge nachdrücklich.

So zeugt die Anlage, heute, wie es im Widmungstext für die Tafeln heißt von der deutsch-französischen Annäherung über 152 Jahre: „La réhabilitation des sépultures de Kaditz témoigne du rapprochement immuable de nos deux nations“ (Romain d’Eprésmesnil).

Zum Gelingen der Gedenkfeier trug unter anderem die Unterstützung durch die Offizierschule des Heeres in Dresden und des Luftwaffenmusikkorps aus Erfurt mit dessen Bläserquintett bei. Besonderen Eindruck machten die französischen Offiziersanwärter in ihren blau-roten Traditionsuniformen, die gemeinsam mit ihren feldgrau-schlichten deutschen Kameraden die Kranzniederlegung vollzogen.

Vor ca. 120 Gästen entfaltete sich ein kleines militärisches Zeremoniell mit Redebeiträgen, Glockengeläut, einer Kranzniederlegung und dem Abspielen der deutschen und französischen Hymnen und Totensignale (Sonnerie aux Morts / Der Gute Kamerad).

Besondere Anerkennung verdient die Anwesenheit dreier französischer Ortsbürgermeister, die es sich nicht nehmen ließen, den 1870/71 verstorbenen Söhnen ihrer Gemeinden ihre Referenz zu erweisen.

Dies belegt den gänzlich anderen Stellenwert des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 in der historischen Wahrnehmung beider Nationen. Während dieser in Deutschland durch die Fixierung auf das Zeitalter der Weltkriege verschattet ist, bildet dieser in Frankreich, mit dem Ersten Weltkrieg („la Grande Guerre“) einen omnipräsenten lieu de mémoire, allein schon durch die allerorten anzufindenden Kriegerdenkmale mit der Widmungsformel „Mort pour la France“, die eine Kontinuität von 1870 über 1914 und 1939 zum Indochina- und Algerienkrieg begründet.

Mit der Feier in Kaditz setzten damit Volksbund und Souvenir Français einen Kontrapunkt, um diesen Teil der gemeinsamen Geschichte ins Bewußtsein zu rücken.

Die deutsch-französische Versöhnung nach einem Jahrhundert der „Erbfeindschaft“, die bis auf die napoleonischen Kriege zurückreicht, möge damit gerade angesichts des russischen Ukraine-Feldzugs von 2022 als Vorbild für eine tragfähige Friedensordnung nach den Schrecken und Verwerfungen eines durch Feindschaft und Krieg geprägten Jahrhunderts dienen.

Redebeiträge:

Unter den Redebeiträgen, die mit einer Begrüßung durch den Hausherrn, Pfarrer Thomas Markert von der ev.-luth. Laurentius Kirchgemeinde, einsetzten, sei hier nur auf Auszüge verwiesen. Die Übersetzung der französischen Ansprachen trugen Offiziersanwärter der französischen Armee vor, die z.Zt. an der Offizierschule des deutschen Heeres in Dresden einen Austausch-Kursus besuchen.

 

Der Vizepräsident des Volksbunds, Sen. a.D. Wolfgang Wieland, rekurrierte auf die Transformation der deutsch-französischen Feindschaft zu einem freundschaftlichen Miteinander im Geiste der Versöhnung über den Gräbern:

Eine Jahrhunderte alte sogenannte Erbfeindschaft zwischen Frankreich und Deutschland wurde nach zwei weiteren furchtbaren Kriegen beendet. Das Bild von François Mitterand und Helmut Kohl, Hand in Hand vor den Gräbern von Verdun, ist dafür geradezu ikonographisch geworden. […] 

Abschließend: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat zur Einweihung des Museums auf dem Hartmannsweiler Kopf, der unter den Soldaten des 1. Weltkrieges „Menschenfresser -Berg“ genannt wurde, gesagt: „Nicht ein Berg frisst Menschen, es ist der übersteigerte Nationalismus, der Menschen frisst“. […] Diese Worte, vor wenigen Jahren gefallen, wirken heute geradezu prophetisch. Nicht die Renationalisierung kann der Weg sein. Im Gegenteil, sie ist ein Spiel mit dem Feuer.“

 

Der Mäzen, Monsieur Romain d’Eprésmesnil (*1940), dessen großzügige Spende die Sanierung des Denkmals und der Namenstafeln überhaupt erst ermöglichte, gab seiner Freude wie folgt Ausdruck:

Sie können sich kaum vorstellen, wie gerührt ich bin, dass Sie heute hier sind. Der Einfall, den ich bei der Lektüre eines bewegenden Artikels von Oberst Lambaré hatte, findet hier und heute seinen krönenden Abschluss.

Das Eindrucksvollste war dabei der Geist der militärischen Brüderlichkeit, der sich seit rund 150 Jahren beständig durch die Generationen, Regimenter und Kriege zieht, und uns auch weiterhin begleitet.

[…] Es war mühevolle Kleinarbeit. An manchen Recherchen war ich beteiligt: Ein faszinierender Ausflug in ein ländliches Frankreich, das so heute nicht mehr existiert, und das von der Tapferkeit dieser jungen Wehrpflichtigen zeugt – jener Tapferkeit, die sich angesichts der Herausforderungen des 20. Jahrhunderts nur noch steigerte.

 

An der Zeremonie nahmen Bürgermeister von drei französischen Ortschaften teil, deren Söhne auf dem Friedhof in Kaditz ruhen. Zuvor war es eine besondere Herausforderung, die Herkunftsorte der Toten zu ermitteln und mit deren Bürgermeistern in Kontakt zu treten, stellvertretend ergriff Maire Philippe Raigné Linards (Limousin) das Wort. Er wandte sich symbolisch an den toten Soldaten Coudert:

 

„Als Bürgermeister von Linards darf ich heute die Gemeinde vertreten, aus der der Soldat François Léonard Coudert stammte, der im deutsch-französischen Krieg von 1870-1871 gestorben ist.

Wir haben die Nachfahren von Monsieur Coudert in der Gemeinde gesucht, aber vergeblich. Zwar gibt es zwei Familien Coudert, aber ohne jegliche verwandtschaftliche Verbindung.

Der Soldat François Coudert ist fern von seiner Heimat, fern von seiner Region im Limousin, fern von seinem Dorf Linards gestorben. Ich werde mir also erlauben, dich zu duzen, stammen wir doch aus demselben Dorf.

Heute habe ich, dank der Großzügigkeit von Monsieur Romain d’Eprésmesnil, einem großherzigen Spender, ohne den all dies nicht möglich gewesen wäre, die Gelegenheit, dir, François Léonard Coudert, der du fern deiner Heimat gestorben bist, ein wenig Erde von deinem Dorf zu bringen. Vielen Dank Monsieur.

Ich wünsche mir, dass wir als eine symbolträchtige Geste dieses Glas mit Erde aus Linards in deiner Nähe niederstellen können und dass du heute weißt, dass die Erinnerung an dich durch diese feierliche Zeremonie weiterlebt und dass auch in deinem Dorf das Gedenken an dich durch einen Artikel im Amtsblatt deiner Gemeinde wiederbelebt wird.

Vergessen wir nicht, dass du nicht der einzige warst, der sein Leben auf dem Schlachtfeld verloren hat, denn 116 andere Soldaten haben ebenso ihr Leben gelassen, um unser Vaterland, unsere Werte und unsere Freiheit zu verteidigen. Aber lassen wir uns nicht täuschen, nichts ist jemals endgültig erreicht. Der Frieden in Europa ist bedroht, denn der Krieg steht vor den Toren unseres Europas. Seien wir also auf der Hut.“ Anschließend verstreute Bürgermeister Raigné die mitgebrachte Heimaterde auf dem Gräberfeld.

Der französische Militärattaché in Deutschland, Generalmajor Jean-Pierre Metz, betonte die Verpflichtung, die von den Toten für die Lebenden ausgehe und die Bedeutung militärischen Dienens für Recht und Freiheit:

Die überwiegende Mehrheit unserer Mitbürger und Mitbürgerinnen, in Frankreich und Deutschland, war bis vor kurzem noch der Meinung, dass all dies der Vergangenheit angehört. Dass seit 1945 Europa endgültig von dieser Geißel, der Gewalt des Krieges, auf seinem Kontinent befreit sei. Aber wir Soldaten wissen, dass jeder Frieden nur so viel gelte, wie gut geschützt mit den eigenen Waffen. Dass in der Ordnung der Welt, nichts selbstverständlich ist. Dass die Unordnung und die Spannungen seit Jahren für jeden, der sie sehen will, wachsen. Der Krieg in der Ukraine erinnert uns an die über 2000 Jahre alte Maxime  „S i   v i s  p a c e m ,  p a r a  b e l l u m“. Sie erinnert an die Pflicht zur Wachsamkeit und Vorbereitung.

Weiterführende Literatur und Links:

  1. BREMM, Klaus-Jürgen: 70/71 Preußens Triumph über Frankreich und die Folgen. Darmstadt 2019.
  2. MGFA (Hg.): Entscheidung 1870. Stuttgart 1970.
  3. NONN, Christoph: 12 Tage und ein halbes Jahrhundert. Eine Geschichte des Deutschen Kaiserreiches 1870-1918. München 2020.
  4. PÖLKING, Hermann / SACKARND, Linn: Der Bruderkrieg 1870/71 Deutsche und Franzosen. Freiburg 2020.
  5. Als Quellenmaterial sei auf das preußische Generalstabswerk von 1875 zum deutsch-französischen Krieg verwiesen. Ebenfalls lesenswert sind die Erinnerungen des amerikanischen Generals Sheridan, der als Beobachter auf deutscher Seite am Geschehen teilnahm: SHERIDAN, Philipp: Von Gravelotte nach Paris. Leipzig 1889.
  6. https://gedenkportal.volksbund.de/rueckblick/detailseite-vergangene-veranstaltung/vortrag-und-diskussion-1870-71-der-deutsch-franzoesische-krieg-in-perspektive-66561
  7. https://sachsen.volksbund.de/aktuell/nachrichten/detailseite/nach-150-jahren-gefunden-und-bestattet
  8. https://www.laurentius-dresden.de/startseite
  9. http://www.le-souvenir-francais.de/de/index.php
  10. Sonnerie aux Morts: https://www.youtube.com/watch?v=NPTkrUt1m3I

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